Die Gasse der digitalen Aufschneider.
📜 Fundstück auf dem Nachttisch des schlaflosen Schreibers: Diese Geschichte berichtet nicht von Orten oder Personen. Es ist ein aufgelesenes Fragment aus dem flackernden Lichtschein eines entsperrten Handys, das im Dunkeln mehr sieht als sein Besitzer ahnt. Es riecht nach nassem Asphalt und dem kalten Atem eines fremden Gottes. Es summt wie der Kühlschrank in der stillen Wohnung. Es flimmert wie die Bildschirme, die uns zu Gefangenen machen, und zu Henkern. Dies ist Fiktion, aber die Gasse, von der hier erzählt wird, beginnt hinter dem entsperrten Display. Sie hat keine feste Adresse, nur deine Aufmerksamkeit als Einladung. Setz dich. Leg das Handy aus der Hand. Spür die Kälte des Glases. Willkommen im Labyrinth der digitalen Spiegel. Du hast gewählt, weiterzulesen. Die Verantwortung liegt nun bei dir.
Sämtliche Charaktere, Neurosen und peinlichen Verhaltensweisen in diesem Werk sind frei erfunden. Wer sich dennoch selbst wiedererkennt, bildet sich das im besten Fall nur ein. Im schlechtesten Fall hat der Autor schamlos die schlimmsten Eigenschaften seines gesamten Bekanntenkreises geklaut, um eine Deadline einzuhalten. Sollten Name, Aussehen oder das spezifische Trauma einer Figur exakt mit Ihrem Leben übereinstimmen, liegt das also nicht an Spionage, sondern an der deprimierenden Austauschbarkeit menschlicher Schwächen. Jede Ähnlichkeit ist kein Zufall, sondern ein statistischer Unfall. Bitte klagen Sie nicht, sondern arbeiten Sie an Ihrem Selbstwertgefühl, oder wenden Sie sich an ihr Medium, da mein Anwalt Ihre Existenz als reine Fiktion betrachtet. Tantiemen gibt es übrigens keine.
Der Eintritt in die Gasse der Schatten.
Die Nacht, in der ich die Gasse der digitalen Aufschneider betrat, roch nach nassem Asphalt und dem kalten Atem eines fremden Gottes. Der Regen schlug gegen das Fenster wie ein betrunkener Schlagzeuger, und irgendwo in der Wohnung summte der Kühlschrank sein ewiges Klagelied. Ich lag im Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, und starrte auf den Bildschirm meines Telefons, auf dem sich die neuesten Meldungen, Fotos und Meinungen tummelten wie Maden in einem offenen Grab. Dann, ohne Vorwarnung, wurde der Raum still, der Regen hörte auf, und die Dunkelheit sog mich aus meinem Körper heraus, als wäre ich nur eine Art Korken.
Ich fand mich wieder vor einem gewaltigen Tor. Es war schwarz und glänzend wie das Gehäuse eines riesigen Smartphones, und über dem Eingang stand in leuchtenden Buchstaben, die aussahen wie die Schrift eines alten Klosters, gekreuzt mit der Ästhetik einer Fitness-App:
„Hier beginnt das Reich derer, die die Wahrheit verbogen, den Schein geliebt und den Nächsten geschlachtet haben – nicht mit dem Schwert, sondern mit der Zunge und dem Daumen.“
Ich erschrak. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein Gefangener gegen seine Zellentür. Neben mir stand eine blasse Gestalt in einem abgenutzten Mantel. Sie hielt ein Buch in der Hand, dessen Seiten aussahen, als hätte jemand sie mit Kaffee und Tränen getränkt.
„Keine Angst“, sagte die Gestalt. Ihre Stimme klang wie das Blättern in sehr altem Papier. „Hierher kommen alle, die im Leben meinten, die Welt sei eine Bühne und sie selbst die einzigen, die das Drehbuch verstanden hätten. Du wirst sehen, was mit ihnen geschieht, wenn die Masken fallen und die Worte auf sie zurückstürzen wie ein Schwarm wütender Vögel.“
Ich wollte etwas sagen, aber das Tor schwang auf, und eine Gasse erstreckte sich vor mir, so breit wie ein Marktplatz, so lang wie eine Lebenslüge. An den Wänden hingen unzählige Bildschirme, die flackerten und flimmerten, und ihr fahles Licht tanzte über das Pflaster wie Geister.
„Willkommen in der Gasse der digitalen Aufschneider und Ehrabschneider“, sagte mein Begleiter. „Du wirst hier Dinge sehen, die du aus deinem eigenen Alltag kennst – nur ohne die Filter, die sie erträglich machen.“
Der Weg der lauten Selbstverliebten.
Der erste Schritt in die Straße der Aufschneider war, als betrete man eine Messe für Menschen, die aus heiße Luft ihre Häuser gebaut hatten. Überall standen Podeste, und auf jedem Podest redete jemand. Nicht mit dem Mund allein – mit den Händen, den Augenbrauen, dem ganzen Körper. Sie redeten und redeten, und ihre Worte stiegen auf wie Seifenblasen und zerplatzten lautlos in der stickigen Luft.
Mein Begleiter blieb stehen und deutete auf einen jungen Mann in einem glänzenden Anzug, der auf seiner Bühne auf und ab tanzte. In seinen Händen hielt er kein Produkt, keinen Zettel, nichts. Nur seine eigene Stimme, die er wie einen Hammer schwang.
„Er hat im Leben ein Geheimnis versprochen“, sagte der Begleiter. „Das Geheimnis des Reichtums ohne Arbeit, des Erfolgs ohne Können, des Glücks ohne Mühe. Er hat Kurse verkauft, E-Books, Webinare. Alles nur Worte, Worte, Worte. Jetzt muss er für immer reden, und niemand hört ihm zu.“
Ich beobachtete, wie der Mann die Arme ausbreitete und rief: „Folgt mir! Ich habe die Antwort!“ Aber die Menge, die ihn umgab, bestand aus lauter leeren Stühlen, und der einzige Applaus kam von einer kaputten Lautsprecheranlage, die wie ein asthmatischer Hund keuchte.
„Je mehr er lügt“, sagte mein Begleiter, „desto kleiner wird er. Irgendwann passt er in eine Nussschale, und dann frisst ihn die Nussschale.“
Ich wandte den Blick ab. Neben dem Podest stand eine Frau, die auf einem Laufband lief, das sich nicht bewegte. Sie keuchte und schwitzte, und über ihr hing ein Schild mit der Aufschrift: „Wer anderen den Weg weist, den er selbst nie gegangen ist, muss in Ewigkeit vortäuschen, voranzukommen.“
„Das ist die Expertin für inneres Wachstum“, sagte der Begleiter. „Sie hat anderen beigebracht, wie man erfolgreich wird, und war selbst nie erfolgreich. Sie hat von Achtsamkeit gesprochen und dabei ihren eigenen Körper gehasst. Jetzt rennt sie auf der Stelle, bis ihre Seele dünn wird wie ein Blatt Papier, auf dem nur noch ein einziges Wort steht: warum.“
Ich schluckte. Das alles kam mir bekannt vor. Nicht aus dem Barock, sondern aus dem Feed meines eigenen Telefons.
Die Blutspur der zerstörten Namen.
Wir gingen weiter, und die Gasse wurde enger. Die Wände rückten näher, und die Luft wurde dick wie kalter Sirup. Hier saßen Menschen auf dem Boden, die Köpfe gesenkt, die Finger zuckend, als tippten sie auf unsichtbaren Tastaturen. Ihre Augen waren starr auf kleine, leuchtende Rechtecke gerichtet, die vor ihnen in der Luft schwebten wie bösartige Glühwürmchen.
„Das sind die Ehrabschneider“, sagte mein Begleiter leise. „Man nennt sie auch Trolle oder Hater oder einfach Leute mit Meinung. Sie haben den guten Namen anderer zerfetzt, nicht weil es wahr war, sondern weil es ihnen ein Gefühl von Macht gab. Mit jedem bösen Wort, das sie tippten, glaubten sie, selbst größer zu werden. In Wirklichkeit fraßen sie sich tiefer in den Sumpf der Verachtung.“
Ich sah einen Mann, der vor einem Spiegel saß. In dem Spiegel war nicht sein eigenes Gesicht zu sehen, sondern die vielen Gesichter der Menschen, die er verletzt hatte. Mit jedem Wort, das er früher gegen sie geschleudert hatte, erschien eine tiefe Wunde auf seiner eigenen Haut. Sein Gesicht war übersät von Schnitten, und er versuchte verzweifelt, sie mit den Fingern zuzuhalten, aber immer neue kamen hinzu.
„Er muss nun für alle Zeiten den Schmerz spüren, den er anderen zugefügt hat“, flüsterte der Begleiter. „Jedes gehässige Urteil wird zu einer Wunde in seinem eigenen Fleisch. Und die Wunden heilen nie, denn er hört nie auf, neue zu schlagen – aus Gewohnheit, aus Reue, aus Wut. Das ist sein Gefängnis: Er kann nicht anders, und genau das ist seine Verdammnis.“
Nicht weit davon entfernt saß eine Frau, die sich im Leben als kritische Journalistin bezeichnet hatte. Sie hatte nie wirklich recherchiert, sondern nur Überschriften gelesen und daraus Skandalgeschichten gesponnen. Jetzt saß sie an einem Schreibtisch, auf dem ein Berg aus leeren Seiten lag, und jedes Mal, wenn sie eine Schlagzeile schrieb, zerfiel das Blatt zu Staub, weil es nicht der Wahrheit entsprach. Sie schrieb und schrieb, und nichts blieb von ihrer Arbeit übrig.
„Das ist die Strafe für alle, die aus dem Unglück anderer Profit schlagen“, sagte mein Begleiter. „Ihre Worte werden zu Asche, bevor sie auch nur ein einziges Leben zerstören können.“
Mir wurde kalt, obwohl es in dieser Hölle nicht kalt war. Eher so, als hätte jemand die Temperatur aus der Luft gesaugt und durch das Gefühl von tausend gleichgültigen Blicken ersetzt.
Der Jahrmarkt der ewigen Wiederholung.
Die Gasse weitete sich zu einem großen, staubigen Platz. Hier standen Menschen in prächtigen Gewändern, die bei näherem Hinsehen aus Zeitungspapier und Alufolie bestanden. Sie riefen durcheinander, jede und jeder wollte die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich ziehen, aber niemand blieb stehen.
„Willkommen auf dem Markt der falschen Propheten“, sagte mein Führer. „Jene, die im Leben meinten, sie allein wüssten, wie die Welt funktioniert, und alle anderen seien blind. Sie verbreiteten Verschwörungen, weil es einfacher war, an eine böse Macht zu glauben, als die komplizierte Wahrheit zu akzeptieren. Sie ersetzten Wissen durch Misstrauen, Vernunft durch Bauchgefühl und Wahrheit durch Wiederholung.“
Ich trat näher und hörte einen älteren Mann mit glühenden Augen, der rief: „Die Erde ist eine Scheibe! Die Regierung verheimlicht es!“ Da kam ein kleines Kind, das auf dem Platz spielte, und fragte: „Aber warum fallen wir dann nicht herunter?“ Der Mann stotterte, lief rot an und begann, das Kind zu beschimpfen, bis ihm die Worte im Mund zu Seifenblasen wurden, die lautlos zerplatzten.
„Hierher kommen alle, die aus Angst vor der Komplexität der Welt einfache Feindbilder brauchten“, erklärte mein Begleiter. „Sie glaubten, sie seien die Einzigen, die die Wahrheit durchschauten, und genau das macht ihre Strafe so bitter: Sie müssen nun für immer auf diesem Markt stehen, umgeben von anderen falschen Propheten, die alle gleichzeitig reden. Keiner hört dem anderen zu, jeder schreit seine eigene Absurdität. Das ist die Hölle derer, die nie zuhören wollten: ewige Selbstgespräche ohne Publikum.“
Ich bemerkte, dass die Stimmen der falschen Propheten einen seltsamen Rhythmus hatten. Sie wiederholten immer dieselben Sätze, wie kaputte Schallplatten, und ihre Münder bewegten sich, auch wenn sie längst nichts mehr zu sagen hatten. Es war, als hätte man eine ganze Bevölkerung in eine Endlosschleife aus Unsinn geworfen.
Das Reich der zerbrechlichen Spiegel.
Wir wanderten tiefer hinein, und die Landschaft wurde surreal. Hohe Spiegelwände säumten den Weg, in denen sich die Menschen selbst betrachteten, als wären sie die schönsten Wesen der Schöpfung. Doch die Spiegel zeigten nicht ihr wahres Gesicht, sondern bearbeitete Versionen, geschönt bis zur Unkenntlichkeit.
„Im Leben nannte man sie Influencer oder einfach Selbstdarsteller“, sagte mein Führer. „Sie verkauften nicht Produkte, sondern ein Bild von sich selbst. Ihr Dasein bestand darin, zu posieren, zu lächeln und zu suggerieren, dass ihr Leben vollkommen sei. Sie verbrachten Stunden damit, das perfekte Foto zu inszenieren, während hinter der Kamera ihr Zimmer chaotisch, ihre Beziehungen leer und ihre Seele erfroren war.“
Ich sah eine Frau, die unablässig Selfies machte. Doch jedes Mal, wenn sie auf den Auslöser drückte, erschien auf dem Bildschirm nicht ihr Gesicht, sondern ein Totenkopf. Sie schrie entsetzt auf, aber sie konnte nicht aufhören, weiter zu fotografieren.
„Das ist die Vanitas-Strafe“, flüsterte mein Begleiter. „Sie hat ihr Leben dem Schein gewidmet, also zeigt ihr der Spiegel nun die Wahrheit hinter dem Schein: die Vergänglichkeit. Sie wird für immer mit dem Anblick ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert, während sie versucht, sich selbst zu entkommen.“
Ein Mann daneben musste auf einem Laufsteg gehen, der aus zerbrechlichen Likes und Follower-Symbolen gebaut war. Bei jedem Schritt brachen Teile unter ihm weg, und er fiel in bodenlose Tiefen, nur um am Anfang wieder aufzutauchen – ein ewiger Kreislauf des Fallens, weil er sein Selbstwertgefühl auf die Anerkennung Fremder gebaut hatte.
„Das ist die Hölle derer, die sich selbst zu wichtig genommen haben“, sagte mein Begleiter. „Sie haben vergessen, dass der Mensch nicht dazu da ist, sich selbst auszustellen, sondern zu leben. Jetzt müssen sie für immer fallen, ohne jemals den Boden zu erreichen – so wie sie im Leben nie wirklich Boden unter den Füßen hatten.“
Die Stille der versiegelten Münder.
Endlich kamen wir an den tiefsten Punkt der Vision. Eine schmale Gasse, in der es nach Moder und altem Papier roch. Hier saßen Menschen, die mit fest verschlossenen Augen auf Stühlen klebten. Ihre Ohren waren mit Wachs verstopft, ihre Münder mit goldenen Schnallen versiegelt.
„Dies sind die Verblendeten“, sagte mein Begleiter leise. „Sie haben im Leben die Wahrheit gesehen, aber weggeschaut. Sie haben die Warnungen gehört, aber ihre Ohren verschlossen. Sie haben die Falschheit ihrer Anführer erkannt, aber geschwiegen, weil sie selbst davon profitierten oder weil sie Angst hatten. Nun sind sie für immer in diesem Zustand gefangen: Sie können nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr sprechen. Nur noch fühlen – und das Gefühl ist Reue, die nie vergeht.“
Mir wurde kalt, und ich fragte: „Gibt es keinen Ausweg für sie?“
„Keinen“, antwortete mein Führer. „Denn wer im Leben die Wahrheit verrät, hat in der Ewigkeit keine Stimme mehr, um um Gnade zu bitten.“
Ich wollte etwas sagen, aber die goldenen Schnallen an den Mündern der Verblendeten begannen leise zu klirren, als wollten die Verschlüsse etwas bezeugen. Doch es kam kein Ton heraus. Nur Stille, die schwerer wog als alle Worte der Hölle.
Der gläserne Käfig der Gejagten.
Wir verließen die Gasse der Verblendeten, und ich spürte, wie sich die Luft veränderte. Sie wurde klarer, aber auch kälter, als bestünde sie aus reinem Glas. Vor uns erhob sich eine Allee aus durchsichtigen Käfigen, in denen Menschen saßen wie Tiere im Zoo – nur dass die Gitterstäbe aus Licht bestanden und jede ihrer Regungen auf großen Bildschirmen über den Käfigen angezeigt wurde. Herzfrequenz, Gedanken in Echtzeit, Erinnerungen als Endlosschleife.
„Das sind die Datenkraken“, sagte mein Begleiter. „Sie haben im Leben aus den intimsten Informationen anderer Profit geschlagen. Sie haben Klickprofile erstellt, Verhaltensmuster analysiert, aus den Ängsten und Wünschen der Menschen ein Geschäftsmodell gebaut. Sie wussten mehr über ihre Kunden als deren eigene Familien, und sie nutzten dieses Wissen, um sie zu manipulieren. Jetzt leben sie in gläsernen Käfigen, in denen jede ihrer Regungen öffentlich sichtbar ist – für alle Ewigkeit.“
Ich trat näher an einen der Käfige heran. Darin saß ein Mann mit einem Laptop, der nicht mehr funktionierte. Über ihm liefen Zahlenreihen, die seine eigenen Gedanken in Daten zerlegten. Er versuchte, sie mit den Händen zu verdecken, aber die Zahlen strömten weiter, unaufhaltsam, wie Blut aus einer Wunde.
„Jeder Gedanke, den er hat, wird sofort veröffentlicht“, erklärte mein Begleiter. „Jede Erinnerung, jedes Gefühl, jede noch so kleine Schwäche. Er kann nichts verbergen, nichts für sich behalten. Er hat die Privatsphäre anderer zerstört, also wird seine eigene nun für immer ausgestellt – bis er begreift, dass der Mensch ohne Intimität kein Mensch mehr ist, sondern nur noch eine Sammlung von Datenpunkten.“
Ich sah, wie der Mann den Mund aufriss, um zu schreien, aber es kam kein Ton. Stattdessen erschien auf dem Bildschirm über ihm der Satz: „Schmerzlevel: 87 Prozent. Angstlevel: 92 Prozent. Reue: nicht messbar.“
Die Bibliothek der endlosen Wahrheit.
Weiter ging es, und die Gasse wurde zu einer endlosen Bibliothek ohne Regale. Überall schwebten Zeitungsseiten in der Luft, die sich ständig neu beschrieben. In dieser Straße saßen Menschen an langen Tischen, vor sich Stapel von Papier, und sie lasen. Unaufhörlich. Ihre Augen bewegten sich wie die Zeiger einer kaputten Uhr, und ihre Lippen formten Worte, die sie nie laut aussprechen durften.
„Das sind die Fake-News-Verbreiter“, sagte mein Begleiter. „Sie haben im Leben wissentlich Falschmeldungen geteilt, Gerüchte gestreut, aus Lügen Schlagzeilen gemacht. Sie wussten, dass sie logen, aber es war ihnen egal – sie wollten Klicks, Aufmerksamkeit, Macht. Jetzt sind sie gezwungen, unablässig wahre Nachrichten zu lesen. Ohne sie kommentieren zu dürfen. Ohne sie zu teilen. Ohne sie zu verzerren. Nur lesen, verstehen, und schweigen.“
Ich beobachtete eine Frau, die vor einem Stapel von Artikeln saß. Ihre Hände zitterten, als sie die erste Seite berührte. Es war ein Bericht über die Folgen einer Epidemie, die durch ihre eigenen Falschmeldungen verschlimmert worden war. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Zunge war mit einem unsichtbaren Siegel belegt. Sie konnte nur lesen. Und lesen. Und lesen.
„Sie werden nie fertig“, sagte mein Begleiter. „Denn die Wahrheit ist unendlich. Sie müssen jeden einzelnen Artikel lesen, der ihre Lügen widerlegt. Und wenn sie fertig sind, beginnt die nächste Lüge, die sie verbreitet haben. Es ist ein ewiger Kreislauf aus Erkenntnis und Ohnmacht. Sie verstehen nun, was sie angerichtet haben, aber sie können es nicht mehr ändern. Das ist die gerechte Strafe für alle, die die Wahrheit als Waffe benutzt haben, ohne je ihre Konsequenzen zu tragen.“
Der Tanz der durchsichtigen Geister.
Wir verließen die Bibliothek der Fake-News, und vor uns öffnete sich ein weites Tal, das aussah wie ein überdimensionales Studio für Social-Media-Inhalte. Überall standen Ringlichter, die in allen Farben des Regenbogens flackerten, und Menschen tanzten, posierten, filmten sich selbst mit ihren Handys. Doch die Handys hatten keine Akkus, die Ringlichter warfen keine Schatten, und die Menschen waren durchsichtig wie Glas.
„Das ist das Tal der Influencer ohne Substanz“, sagte mein Begleiter. „Menschen, die ohne eigenes Können berühmt wurden. Sie haben nichts geschaffen, nichts entdeckt, nichts geleistet. Sie waren nur da, und die Algorithmen haben sie groß gemacht. Jetzt müssen sie in einer Endlosschleife bedeutungslose Inhalte erstellen, die sofort wieder verschwinden – ohne Publikum, ohne Likes, ohne Echo.“
Ich sah einen jungen Mann, der ein Video drehte, in dem er einen Kaffee trank. Aber der Kaffee war leer, die Tasse bestand aus Pappe, und als er das Video abspielen wollte, löste es sich in Nichts auf. Er begann von vorn. Immer wieder. Wie eine kaputte Schallplatte.
„Er hat sein ganzes Leben auf Inhalte gebaut, die keine Tiefe hatten“, sagte mein Begleiter. „Jetzt muss er für immer Inhalte produzieren, die sofort verschwinden. Er bekommt keinen Applaus, keine Anerkennung, nicht einmal einen einzigen traurigen Daumen nach oben. Nur die endlose Wiederholung seiner eigenen Bedeutungslosigkeit.“
Ich sah, wie die Influencer im Tal immer schneller wurden, als wollten sie die fehlende Substanz durch Bewegung ersetzen. Aber je schneller sie tanzten, desto durchsichtiger wurden sie, bis sie nur noch flackernde Lichter waren, die in der Luft verglühten.
Der Gerichtshof der eigenen Worte.
Schließlich erreichten wir eine enge Gasse, die nach verbranntem Papier und bitterem Kaffee roch. Hier saßen Menschen in kleinen, dunklen Zellen, und vor jeder Zelle hing ein Bildschirm, auf dem ihre eigenen Worte in Endlosschleife abgespielt wurden – genau die Worte, mit denen sie andere öffentlich vernichtet hatten.
„Das ist die Gasse der Cancel-Culture“, sagte mein Begleiter. „Hier sitzen Menschen, die andere ohne fairen Prozess öffentlich verurteilt haben. Sie haben Karrieren zerstört, Existenzen ausgelöscht, Familien zerrissen – alles im Namen der Moral, der Gerechtigkeit, des guten Geschmacks. Aber sie haben nie gefragt, ob das Opfer wirklich schuldig war. Sie haben nur geschrien, gehetzt, gesteinigt. Jetzt müssen sie für immer ertragen, dass ihre eigenen Worte gegen sie verwendet werden. Jede Anschuldigung, jede Beleidigung, jede Unterstellung – sie prasselt nun auf sie selbst herab, ohne Unterlass, ohne Gnade.“
Ich sah eine Frau, die in ihrer Zelle saß und die Hände vor das Gesicht hielt. Auf dem Bildschirm vor ihr lief ein Post, den sie vor Jahren verfasst hatte. Darin beschuldigte sie einen Kollegen der Lüge, ohne Beweise, nur aus Wut. Der Post wurde immer wieder abgespielt, und jedes Mal, wenn das Wort „Lügner“ ertönte, zuckte sie zusammen, als hätte man sie geschlagen.
„Sie hat nie verstanden, dass Worte töten können“, sagte mein Begleiter. „Jetzt spürt sie, wie sich ihre eigenen Worte in ihr Fleisch graben. Sie kann nicht mehr fliehen, nicht mehr relativieren, nicht mehr löschen. Sie ist gefangen in der Ewigkeit ihrer eigenen Grausamkeit.“
Die Gasse wurde still, und ich hörte nur noch das leise Echo der vielen Anschuldigungen, die in den Zellen widerhallten. Es klang wie ein Chor aus tausend gebrochenen Stimmen, die alle dasselbe Lied sangen: „Ich hatte recht. Ich hatte recht. Ich hatte recht.“
Doch niemand hörte ihnen zu.
Der Erwachende am Fenster der Nacht.
Ich fuhr aus dem Schlaf auf, als hätte mich jemand an den Schultern gepackt und zurück in meinen Körper geworfen. Der Regen schlug immer noch gegen das Fenster, und mein Telefon lag auf dem Nachttisch und summte leise vor sich hin. Ich starrte auf den Bildschirm, auf dem sich die neuesten Meldungen tummelten – dieselben Meldungen, dieselben Gesichter, dieselben Worte.
Doch irgendetwas hatte sich verändert. Ich sah nicht mehr nur Inhalte. Ich sah die Gasse dahinter. Die Podeste der Aufschneider, die Spiegel der Selbstdarsteller, die gläsernen Käfige der Datenkraken. Und ich wusste: Der Traum war keine Flucht gewesen, sondern eine Landkarte.
Ich stand auf, ging zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Die kalte Luft strömte herein und vertrieb den stickigen Geruch des Schlafes. Draußen war die Stadt in Nebel gehüllt, und irgendwo bellte ein Hund. Ein ganz normaler Hund, ohne glühende Augen.
Ich dachte an die Worte meines Begleiters: „Wer im Diesseits nur heiße Luft und schöne Phrasen drischt, den holt im Jenseits der barocke Filter ein.“
Und ich beschloss, an diesem Tag etwas weniger zu posten, etwas genauer hinzusehen und etwas wahrhaftiger zu sprechen.
Denn die Gasse der Aufschneider ist breit, und ihre Pforten stehen weit offen – für jeden, der meint, das eigene Spiegelbild sei wichtiger als das Wohl der anderen. Man muss nicht sterben, um hineinzugeraten. Es reicht, das Handy zu entsperren.
Mit herzlichem Dank und dem Wissen, dass die schönsten Spiegelbilder aus heißen Lügen bestehen,
Ihr treuer Begleiter durch die Gasse der Eitelkeiten.
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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, welche realen Orte, Persönlichkeiten oder digitalen Plattformen für diese Vision Pate gestanden haben, denn die wahre Hölle der Aufschneider und Ehrabschneider ist nicht an ein bestimmtes Portal, Netzwerk oder eine bestimmte Epoche gebunden, sondern wohnt in jedem von uns, sobald wir den Bildschirm entsperren und vergessen, dass hinter jeder Nachricht ein Mensch und hinter jedem Like ein Schatten der Eitelkeit steht.
Ein herzlicher Dank gilt Francisco de Quevedo 1580–1645, dem großen spanischen Dichter und Satiriker, dessen barocke Jenseitsvisionen in seinen Sueños, insbesondere der Traum von der Hölle, bereits im 17. Jahrhundert die satirische, Höllenfahrt durch unsere digitale Welt vorhersah. Quevedo schickte seinen Erzähler durch eine Unterwelt, in der die Laster der Menschen sichtbare Gestalt annehmen, eine Methode, die sich als erstaunlich zukunftsfähig erwies. Möge er uns verzeihen, dass wir seine Vision mit Bildschirmen, Handys und falschen Propheten aufgefüllt haben.
Quellenangaben:
Inspiriert von tausenden zerbrochenen Spiegeln der sozialen Medien, in denen wir uns alle verloren haben.
Deutsche Digitale Bibliothek: Francisco de Quevedo
Wikipedia: Francisco de Quevedo (englisch)
HIIG: Wer verbreitet wo, wozu und wie viel Desinformation?
bpb: Systematische Manipulation sozialer Medien im Zeitalter der KI
Uni Hannover: Zur Diskursgeschichte des 'Cancel Culture'-Narrativs
Verwendete Hilfsmittel / Methodik:
Die folgende satirische Höllenfahrt wurde mit Methoden aus der Barockküche und Werkzeugen aus dem Digitalisierungsschrott zusammengefügt.
Hinweis: Dieser Text entstand mit Unterstützung diverser KI-Wesen aus nichtsächsischen Ländereien, wurde anschließend redaktionell gezähmt und mit folgenden Artefakten veredelt:
🔍 Das allgegenwärtige Orakel von Google, das die Fährten aus der Gegenwart in die Vergangenheit zeigt.
📜 Papyrus Autor, Version 11.09d Win64 vom 16.5.2023, mein digitaler Ratgeber übersetzte sächsisches Rohmaterial in deutsche Hochsprache.
🕹 Alter Codex der Grimmelshausen-Paraphrase aufgeschlagen auf Seite 42 der ewigen Selbstüberschätzung.
🚀 Die sternenklare Datenbank der Aphorismen, enttarnte die Lügen der Aufschneider und brach den Schein der Selbstdarsteller.
🔥 Die gläserne Lupe der Vanitas, zum betrachten zerbrechlicher Spiegel des Digitalen .
🏠 Die leere Konserve des selbstvergessenen Schreibers, gefüllt mit sächsischem Nachtschweiß und dem Echo leerer Gasse.
So ward aus der nächtlichen Vision ein barocker Spiegel, aus dem Handy-Flimmern ein Mahnmal der Eitelkeit.
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