Der Geruch von nassem Laub und verrottetem Holz hing so dicht über dem Waldweg.
Der Geruch von nassem Laub und verrottetem Holz hing so dicht über dem Waldweg, dass man ihn fast schmecken konnte.
Ich stand am Rand des kleinen Waldes hinter unserem Haus und starrte in die Kronen der alten Buchen.
Ich stand am Rand des kleinen Waldes hinter unserem Haus und starrte in die Kronen der alten Buchen. Die Sonne kämpfte sich durch die dichten Äste, und ihre Strahlen zerrissen das Blätterdach in tausend goldene Fetzen. Ein kalter Wind strich über meine Wange und trug den Duft von feuchtem Moos und gefallenen Blättern mit sich. Die Bäume standen in voller Pracht, ihre Kronen leuchteten in einem Orange, das an abendliches Kupfer erinnerte.
Ich atmete tief ein. Die Luft war so klar, dass sie in der Lunge kratzte. Ein Amselruf drang durch die Stille, dann ein zweiter, weiter entfernt. Der Boden unter meinen Füßen war weich von dem Laub, das in den letzten Tagen gefallen war. Jeder Schritt erzeugte ein leises Rascheln, das wie ein eigener Herzschlag in der Morgenstille erklang.
Der Herbst hatte das Dorf fest im Griff. Die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück, die Fenster wurden geschlossen, die Öfen angefeuert. Überall roch es nach brennendem Holz, ein Geruch, der sich mit dem der feuchten Erde vermischte. Es war eine Jahreszeit des Rückzugs, der Besinnung, der kleinen Feuer, die in den Kaminen flackerten.
Mein Großvater hatte mir einmal gesagt, dass der Herbst die ehrlichste aller Jahreszeiten sei. Der Winter sei eine Lüge, weil er alles unter Schnee begrabe, sagte er. Der Frühling sei eine Angeberei, weil er immer so tue, als sei alles neu. Der Sommer sei Selbstbetrug, weil er alle dazu bringe, das Ende zu vergessen. Aber der Herbst, der zeige, was wirklich sei. Die Blätter fielen, die Bäume entblößten sich, die Welt bereitete sich auf das Sterben vor.
Damals hatte ich nicht verstanden, was er meinte. Heute stand ich im Wald, die Hände in den Taschen, und ich begann zu begreifen.
Es war an einem Abend wie diesem als mein Großvater mir zum ersten Mal die Geschichte der Indianer und ihres Häuptlings erzählte.
Es war an einem Abend wie diesem, als mein Großvater mir zum ersten Mal die Geschichte der Indianer und ihres Häuptlings erzählte. Wir saßen in seiner kleinen Stube, der Ofen knisterte, und draußen fiel der erste Schnee des Jahres.
Setz dich, Junge, sagte er und deutete auf den alten Ledersessel neben dem Ofen. Ich habe dir etwas zu erzählen.
Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse, strich sich über den Bart und begann.
Es war einmal, in einem Land, das viel weiter westlich lag als unseres, ein Indianerstamm. Sie lebten in kleinen Hütten aus Fellen und Holz, und ihr Leben war einfach. Sie jagten, sie sammelten, sie feierten die Jahreszeiten. Und sie hatten einen Häuptling, der weise war, aber nicht so weise, wie sie dachten.
Mein Großvater lachte leise in sich hinein.
Jedes Jahr, wenn der Herbst kam und die Blätter von den Bäumen fielen, kamen die Indianer zu ihrem Häuptling und fragten ihn eine Frage. Sie fragten, wie der nächste Winter werden würde. Und der Häuptling, der die Jahreszeiten kannte und die Tiere und den Wind, der schaute in den Himmel, beobachtete die Wolken, lauschte den Vögeln. Und er gab ihnen eine Antwort.
Eine falsche Antwort, sagte ich.
Mein Großvater zog die Augenbrauen hoch.
Du kennst die Geschichte?
Ich schüttelte den Kopf.
Nein, aber ich kann mir denken, wie sie ausgeht.
Mein Großvater lächelte.
Denkst du das? Dann lass mich dir trotzdem erzählen, wie es wirklich war.
Die Indianer versammelten sich im großen Kreis um das Feuer.
Die Indianer versammelten sich im großen Kreis um das Feuer. Die Männer trugen ihre besten Federn, die Frauen schmückten ihre Haare mit Blättern. Es war ein kalter Herbsttag, die ersten Schneeflocken tanzten über den Himmel.
Häuptling, rief ein alter Krieger, wir fragen dich. Wie wird der Winter dieses Jahr?
Der Häuptling stand auf. Er war ein großer Mann mit einem Gesicht wie ein Fels. Sein Blick wanderte über die versammelte Menge, dann hob er den Arm und deutete auf den Himmel.
Der Winter wird sehr lang und sehr kalt werden, sagte er. Ich sehe es in den Wolken, ich höre es im Wind. Der Schnee wird hoch liegen, das Eis wird die Flüsse verschließen. Sammelt viel Feuerholz.
Die Indianer sagten nichts. Sie nickten, wie sie es immer taten, und gingen los, um Holz zu sammeln.
Die Frauen packten ihre Körbe, die Männer ihre Äxte. Sie zogen in den Wald und fällten die alten Bäume, die Buchen und die Eichen, die im Sommer noch Schatten gespendet hatten. Sie stapelten das Holz hoch, so hoch, dass es die Hütten überragte. Jeder Stamm im Dorf roch nach Harz und frischem Spalt.
Der Winter kam, und er war nicht lang. Er war nicht kalt. Die Sonne schien oft, der Schnee fiel nur selten. Die Indianer schauten sich an und zuckten mit den Schultern.
Vielleicht hatte der Häuptling einen Fehler gemacht, dachten sie.
Im nächsten Jahr als der Herbst erneut die Blätter färbte kamen die Indianer wieder.
Im nächsten Jahr, als der Herbst erneut die Blätter färbte, kamen die Indianer wieder.
Häuptling, rief der gleiche Krieger, wie wird der Winter?
Der Häuptling stand auf. Sein Gesicht war ruhig, aber in seinen Augen glänzte etwas. Er deutete auf die Bäume, die ihre Blätter verloren.
Der Winter wird sehr lang und sehr kalt werden, sagte er. Ich sehe es in den Rinden der Bäume, ich höre es im Ruf der Amseln. Sammelt noch mehr Holz.
Die Indianer seufzten. Sie hatten es satt, Holz zu sammeln, aber sie gehorchten. Sie zogen in den Wald, sie fällten die Bäume, die übrig geblieben waren. Die Äxte klangen durch den ganzen Herbst.
Sie stapelten das Holz so hoch, dass es bis zu den Dächern reichte. Sie schichteten es auf, als wollten sie den Winter damit besiegen.
Der Winter kam, und er war noch milder als der letzte. Die Sonne wärmte die Hütten, die Kinder spielten im Schnee, der sofort schmolz. Die Indianer schüttelten die Köpfe.
Unser Häuptling ist nicht weise, sagten sie.
Es war am dritten Herbst als die Indianer nicht mehr zum großen Feuer kamen.
Es war am dritten Herbst, als die Indianer nicht mehr zum großen Feuer kamen. Sie standen am Rand des Dorfes, die Arme verschränkt, und beobachteten ihren Häuptling.
Wir gehen nicht mehr zu ihm, sagte einer der jungen Krieger. Er lügt uns an. Er hat uns zweimal im Stich gelassen.
Aber vielleicht hatte er Recht, sagte eine alte Frau. Vielleicht war der Winter nur mild, weil wir so viel Holz gesammelt haben.
Das ist Unsinn, sagte der Krieger. Das Holz hat doch nichts mit dem Wetter zu tun. Der Häuptling ist alt und verwirrt. Wir brauchen einen neuen.
Sie schauten zu ihrem Häuptling hinüber, der am Feuer saß und in die Flammen starrte. Er schien ihre Blicke zu spüren, aber er sagte nichts.
Wir gehen zum weißen Mann, sagte der Krieger schließlich. Der weiße Mann hat Meteorologen. Die kennen das Wetter.
Die Indianer murmelten zustimmend.
Ja, sagten sie. Gehen wir zum weißen Mann.
Die Reise zum weißen Mann war lang.
Die Reise zum weißen Mann war lang. Die Indianer durchquerten Wälder, die dichter waren als ihre eigenen, und Felder, die sich bis zum Horizont erstreckten. Sie trafen Händler, die ihnen den Weg wiesen, und reisten tagelang.
Endlich erreichten sie eine Siedlung. Hier war alles anders. Die Häuser waren aus Stein, die Straßen waren gepflastert, und überall roch es nach Eisen und Rauch. Die Menschen trugen fremde Kleidung, ihre Gesichter waren ernst.
Die Indianer suchten den weißen Mann. Sie fanden ihn in einem kleinen Haus, das mit Schildern bedeckt war. Ein Schild trug die Aufschrift: Meteorologische Abteilung.
Die Indianer traten ein. Der weiße Mann war klein und rundlich, seine Brille saß schief auf der Nase. Er schaute auf, als die Indianer den Raum füllten.
Was wollt ihr?, fragte er.
Die Indianer traten näher. Der Krieger, der ihr Anführer geworden war, richtete sich auf.
Weißer Mann, sagte er. Wir fragen dich. Wie wird der nächste Winter?
Der weiße Mann lachte.
Das ist eine gute Frage, sagte er. Aber ich kann sie euch beantworten. Der Winter wird sehr lang und sehr kalt.
Die Indianer sahen sich an. Sie hatten gehofft, eine andere Antwort zu hören.
Woher weißt du das?, fragte der Krieger.
Der weiße Mann lächelte. Er klappte einen Notizblock auf und zeigte auf die Zahlen.
Weil die Indianer in den letzten beiden Jahren wie die Verrückten Holz gesammelt haben, sagte er. Ich habe die Berichte gelesen. Wenn Indianer soviel Holz sammeln, kann der Winter nur streng werden.
Die Indianer kehrten in ihr Dorf zurück.
Die Indianer kehrten in ihr Dorf zurück. Niemand sprach auf dem Weg. Die Äxte hingen schwer an ihren Gürteln, aber sie hoben sie nicht. Die Wälder schwiegen.
Als sie die Hütten erreichten, sahen sie den Häuptling. Er stand am Feuer, den Rücken zu ihnen.
Wir haben den weißen Mann gefragt, sagte der Krieger. Er hat uns die gleiche Antwort gegeben.
Der Häuptling drehte sich um. Sein Gesicht war ruhig.
Und was hat er gesagt?, fragte er.
Der Winter wird lang und kalt, sagte der Krieger. Aber er wusste es, weil wir so viel Holz gesammelt haben.
Der Häuptling nickte. Er setzte sich wieder ans Feuer und starrte in die Flammen.
Dann lasst uns auch dieses Jahr Holz sammeln, sagte er.
Die Indianer sahen ihn an. Sie wollten widersprechen, aber sie taten es nicht.
Es war ein Herbstmorgen als die Indianer zum dritten Mal in den Wald zogen.
Es war ein Herbstmorgen, als die Indianer zum dritten Mal in den Wald zogen. Die Blätter fielen dichter als je zuvor, die Bäume standen nackt und kahl. Der Boden war mit Laub bedeckt, das raschelte, wenn sie gingen.
Die Indianer schwiegen. Sie nahmen ihre Äxte und fällten die Bäume, die noch standen. Sie stapelten das Holz höher als in den Jahren zuvor.
Sie wussten nicht, ob der Winter streng werden würde. Sie wussten nicht, ob der weiße Mann Recht hatte. Sie wussten nur, dass das Holz da war, und dass sie es sammeln konnten.
Der Winter kam und er war der kälteste seit vielen Jahren. Der Schnee fiel in dicken Flocken, der Wind heulte um die Hütten, die Flüsse froren zu. Aber die Indianer waren warm. Ihre Feuer brannten hell, das Holz war genug.
Als der Frühling kam standen die Indianer am Rand des Dorfes und schauten auf das Holz das noch übrig war.
Als der Frühling kam, standen die Indianer am Rand des Dorfes und schauten auf das Holz, das noch übrig war. Die Haufen waren kleiner geworden, aber sie waren nicht leer.
Wir haben es geschafft, sagte die alte Frau. Wir haben den Winter überlebt.
Der Krieger, der einst zum weißen Mann gegangen war, stand schweigend da. Er dachte an den Häuptling, an den weißen Mann, an all die Worte.
Vielleicht hat der Häuptling das alles gewusst, sagte er.
Die anderen schauten ihn an. Sie sagten nichts, aber sie nickten.
Der Häuptling selbst stand am Feuer und beobachtete sie. Sein Gesicht war wie immer, ruhig und unergründlich. Er sagte nichts, aber in seinen Augen lag ein Funkeln, das nicht vom Feuer kam.
Im nächsten Herbst kamen die Indianer wieder zum Feuer.
Im nächsten Herbst kamen die Indianer wieder zum Feuer. Sie stellten sich im Kreis auf, die Hände vor der Brust gefaltet, und warteten.
Diesmal fragten sie nicht. Diesmal schauten sie ihren Häuptling an, und er schaute zurück.
Wisst ihr, was ich sagen werde?, fragte er.
Die Indianer nickten.
Dann wird es kalt werden, sagte einer.
Der Winter wird lang sein, sagte ein anderer.
Wir werden Holz sammeln wie bekloppt, sagten sie gemeinsam.
Der Häuptling lächelte. Es war ein Lächeln, das die Jahre trug, die Falten, die Erfahrung.
Das ist gut, sagte er. Dann wisst ihr ja, was zu tun ist.
Sie gingen in den Wald. Die Äxte klangen wie immer, das Holz fiel wie immer. Aber dieses Mal sangen die Männer beim Arbeiten. Die Frauen schichteten die Stämme auf und die Kinder sprangen über die Holzhaufen.
Sie wussten nicht, ob der Winter streng werden würde. Aber sie wussten, dass sie vorbereitet sein würden.
An einem Herbstmorgen viele Jahre später stand ich am Rand des Waldes hinter unserem Haus.
An einem Herbstmorgen, viele Jahre später, stand ich am Rand des Waldes hinter unserem Haus und blickte in die Kronen der alten Buchen. Die Blätter fielen dichter als je zuvor, und der Boden unter meinen Füßen war mit einem Teppich aus Gold, Rot und Braun bedeckt.
Ich dachte an meinen Großvater, an seine Geschichte, an den Häuptling und die Indianer. Ich dachte an die Äxte und das Holz, an den weißen Mann und seine Meteorologen. Und ich dachte an den Winter, der kommen würde.
Die Luft roch nach feuchter Erde und brennendem Holz. Ich zog meine Jacke enger um mich und machte mich auf den Weg zurück zum Haus. Hinter mir raschelten die Blätter, als ob der Wald selbst etwas sagen wollte.
Vielleicht wusste er es auch.
Ich ging schneller. Vor mir lag das Haus, das Feuer im Ofen, die Wärme. Ich wusste, dass der Winter kommen würde, und ich wusste, dass wir bereit sind.
Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler
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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.
Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie
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